Die Kraft der Sehnsucht und wie wir sie nutzen können, um Wandel zu gestalten..

Die Sehnsucht hat in einigen Kreisen keinen guten Ruf. Man solle frei von Sehnsüchten sein und zufrieden mit dem, was ist. In diesem Beitrag verrate ich, warum wir uns eben nicht zufrieden geben sollten. Und wie wir die Sehnsucht als schöpferische Kraft nutzen können, um Zukunft zu gestalten.

 

Wenn der Archetyp der Suchenden
auf die Lebensbühne tritt.

Als ich mir mit Mitte Ende 30 eingestehen musste, dass ich zwar leistungsfähig  geworden war (ich erhielt immer wieder ziemlich tolle Aufträge für  öffentlichkeitswirksame Projekte), mich aber trotzdem ziemlich unerfüllt und unglücklich fühlte (und das ist harmlos formuliert), stand irgendwann die Frage im Raum:

Was machen, wie Heilung finden und kann es überhaupt eine Lösung geben?

Der Weg der Selbsterkenntnis, der Selbstheilung und auch der Lebensumgestaltung, der dann folgte, hat einige Zeit gedauert und mein Leben doch ziemlich nachhaltig auf den Kopf gestellt.

Das war alles nicht immer leicht und mitunter auch schmerzvoll. (Vor allem die Auseinandersetzung mit meiner Familie. Aber ich möchte nicht ausdenken, was geworden wäre, wenn die Suchende in mir nicht so vehement auf die Bühne meines Lebens getreten wäre.

Heute schaue ich auf ein Leben, zu dem ich wirklich sagen kann: „Ja, das bin ICH! Das ist MEIN Leben!“ Ein gewisser innerer Stolz schwingt da mit. Und tiefe Dankbarkeit für ein als kostbar empfundenes, eher abenteuerliches, freies und schöpferisches  Leben.

 

Der unbequeme Ruf der Sehnsucht
nach einem erfüllteren Leben.

Dass sich mein Leben damals so falsch, fremd und leer angefühlt hat, ist nun zum Glück schon einige Zeit her. Ich bin inzwischen quasi eine Verkörperung von Veränderungskompetenz. Und ich brenne heute dafür, Transformationsprozesse heilsam zu begleiten.

Ebenso zum Glück hatte ich immer wieder Unterstützung auf meinem Weg, Lehrer, Therapeuten, vom Himmel gefallene Hinweise, Zu-Fälle, Impulse, Freunde und wieder Hinweise – die mir immer wieder Mut gemacht haben.

Sehr oft fühlte ich mich aber auch verlassen und unverstanden. Allüberall der Aufruf zu Zufriedenheit, ich solle doch froh sein mit dem was ich habe. Und: ‚Kind, du bist doch Juristin!‘

So viel Normalität um mich herum, Lebensziele und Karrierewege, die mich so wenig inspirierten, alles so quadratisch-praktisch-gut.  Stimmen die mir sagten, dass mein Sehnen „ein zu Viel sei“, zu unvernünftig und ein zu hoher Anspruch an das Leben.

Etwas in mir wollte sich aber nicht abfinden mit diesem flachen Lebensgefühl, dem Entfremdeten, dem Leidenschaftslosen und vor allem: der schleichenden Leere in mir.

Etwas in mir wollte den Anspruch erheben auf ein grundlegend anderes Lebensgefühl, nach einer Lebendigkeit, die in jeder Zelle gespürt werden wollte, nach völlig anderen Inhalten, mit denen ich mich tagtäglich befassen wollte, nach anderen Beziehungen, nach mehr Tiefe, mehr Leidenschaft, nach erlebter Fülle und gefühlter Verbundenheit.

 

Wenn nichts mehr stimmt: die schmerzhaften Stoppschilder des Lebens.

Wenn nun im Leben eines doch schon sehr erwachsenen Menschen so viel beginnt, sich falsch anzufühlen (oder sich im Grunde schon sehr lange  falsch anfühlt – aber als ‚richtig‘ im Sinne von: ’so macht man es eben‘ eingeordnet wird), dann ist das zunächst ein ziemlich schmerzhafter Erkenntnisprozess.

Ich erlebe das heute ebenso mit den Menschen, die ich begleite. Wunderbare Menschen, die irgendwo im Laufe ihres Lebens an die Wand gefahren sind und sagen: „Ich will mein Leben zurück!“ oder „Das bin ich einfach nicht!“ oder „Ich finde mich in meinem Leben nicht mehr wieder.“ 

Es ist nicht so leicht, sich einzugestehen, dass man an einem eher trostlosen Punkt im Leben angekommen ist. Und für sehr viele in unserer immer noch vom Leistungsprinzip regierten Welt, ist es besonders schwer sich einzugestehen, dass es auch schlicht nicht mehr geht, kräftemäßig.

Ich nenne diese Momente die Stoppschilder des Lebens.

Besonders schmerzhaft werden sie, wenn der Körper nicht mehr will, wenn der Nervenzusammenbruch kommt, die Seele rebelliert durch Verlust von Lebenslust, die ewige Erschöpfung in schwere Depression umschwappt oder alle möglichen körperlichen Symptome ständig Aufmerksamkeit brauchen.

Dann ist es der Körper, über den unsere innere Stimme Gehör finden will, wenn wir ihr sonst nicht lauschen.

 


Der Archetyp des Suchenden

und die Sehnsucht nach Ganzheit.

Wenn es nicht äußere Umstände sind oder eben die deutliche Sprache des Körpers – die harten Stoppschilder – die uns quasi zwingen, neu auf unser Leben zu schauen, dann ist es meist eine unbestimmte Sehnsucht, die sich immer deutlicher einschleicht. Und mitunter auch schmerzhaft wird.

Die Mythen aller Kulturen erzählen von den Helden, die sich auf die Reise machen, weil es einem Ruf zu folgen gilt, eine bestimmte Herausforderung zu bewältigen gibt. Das kann entweder eine konkrete Aufgabe sein oder auch ein erlebter Mangel, der behoben werden will.

Der Mythen- und Religionsforscher Joseph Campbell (1904-1982) hat herausgefunden, dass all diese Urgeschichten der Menschheit eine vergleiche Kerngeschichte in sich tragen – eine Art Urmythos, die sich trotz kultureller und regionaler Unterschiede in ihrer Grundstruktur doch gleicht:

Eine ‚Heldenreise‘, die wir als Sinnbild für unsere Reise zur Selbst- und Ganz-Werdung verstehen können. Der Archetyp des Suchenden spielt hier eine wichtige Rolle. Denn er führt uns überhaupt auf die Reise. Er ist Sinnbild für die visionäre Kraft in uns, die uns antreibt – sei es aus einer Not heraus, um einen unerträglichen Zustand zu verlassen – oder aus der Hoffnung auf ein schöneres, besseres, gesünderes Land.

Übertragen auf unsere persönliche Entfaltung heisst das: Der Archetyp des Suchenden steht für unsere Sehnsucht nach einem stimmigeren  Selbst-Gefühl, einem Gefühl von Ganzheit.

 

Wenn das Losgehen schwerfällt. Oder:
Die Bratpfanne des Universums.

Dabei geht es nicht immer um die ganz großen Veränderungen im Außen. Oft ist vor allem erst einmal eine innere Reifung angesagt. Allerdings wird dann oft auch im Außen etwas nachwachsen wollen.

Meist geht es darum, denjenigen Energiequalitäten oder Persönlichkeitsanteilen, die bislang zu wenig Beachtung gefunden haben, endlich auch Ausdruck zu geben und in unser Leben zu integrieren. Dazu immer auch ein wenig Mut. Zunächst den Mut, um den Suchenden in uns überhaupt einmal anzuschauen und anzunehmen.

Wer wach ist und mit seinem inneren Raum in guter Verbindung, der/die spürt schon früh, dass etwas nicht mehr passend ist im Leben – dass die Zeit für eine Bewegung, einen neuen Schritt gekommen ist.

Aber der Mensch neigt wohl einfach auch dazu, sehr lange an Altbekanntem festzuhalten. (Übrigens gehören sowohl das Bedürfnis nach Sicherheit – also auch das Bedürfnis nach Entfaltung zu unseren zwei wesentlichen Grundbedürfnissen! Wir dürfen also auf unserer Lebensreise zwischen diesen beiden Polen immer wieder neu justieren).

Auch haben wir die Gabe, sehr lange hinweg zu gehen – über alles mögliche:  Über Sätze, über Worte, über unsere Intuition, über die Impulse unseres Körpers. Über die Impulse unseres eigentlich deutlichen inneren Wissens.

Neue Wege zu beschreiten und bekanntes Terrain zu erweitern, macht immer aber auch Angst. Das ist einfach so. Unser Hirn ist so gestrickt, wir sind so gestrickt.

Und leider braucht es oft – wie eine meiner lieben Klientinnen neulich so schön formulierte: ‚eine Bratpfanne des Universums‘, damit wir dann gezwungen werden, endlich loszugehen und uns zu trauen. Den Sprung zu wagen. Das kann übrigens auch ein Sprung in die Stille und das Weniger-Tun sein.

Das ist dann aber leider die schmerzliche Variante. Wir können uns aber auch darin üben, unseren Entfaltungsimpulsen geschmeidiger zu folgen.

 

Der Rhythmus des Lebens und die natürlichen Wendepunkte des Lebens.

Wenn wir verstehen, dass sich Leben rhythmisch entfaltet, also in Zyklen und nicht linear, dann können wir es als notwendigen Bestandteil des Lebens verstehen, dass wir immer wieder an solche Wendepunkte stoßen, die unsere/n Suchende/n ganz natürlich auf den Plan rufen.

An diesen Wendepunkten des Lebens können wir merken, dass einzelne Persönlichkeitsanteile von uns noch keine Gelegenheit hatten, sich zu entfalten. Sei es weil wir ihnen noch gar nicht ins Gesicht schauen und als Teile von uns erkennen konnten. Sei es dass wir sie unterdrücken mussten oder ihnen auch aus sehr lebenspraktischen Gründen noch keinen Platz in unserem Leben einräumen konnten.

Für einige Anteile braucht es erst einige Reife und Stabilität, um sie zulassen und leben zu können. Müssen wir starke Verletzungen verarbeiten, dann braucht es einige Stabilität, um den Schmerz der Wunde aushalten zu können. (Und die passende Begleitung..) Müssen wir sehr viel Sicherheit verlassen, braucht es besonders viel Mut, uns in Unsicherheit zu begeben.

Auch wenn unsere spirituelle oder schöpferische Kraft ruft, werden wir einiges Fundament brauchen, um diese Kräfte auch halten und ins Leben integrieren zu können.

Die Suchende kommt immer dann aufs Parkett unserer Lebensbühne, wenn wir wieder ein Stück vollständiger und reifer werden wollen. Oder auch gesünder: wenn nämlich eine neue Balance aus aktiven und passiven Energiequalitäten, männlichen und weiblichen Persönlichkeitsanteilen, Tun und Sein gefunden werden will.

So ist auch die Suchende, die mich mit Mitte 30 auf die Reise geschickt hatte, nicht mehr dieselbe, die mich heute – in der Lebensmitte – wieder neu auf die Reise schickt.

 

Die schöpferische und die betäubende Kraft der Sehnsucht:

Wenn wir diese Auftritte des Suchenden als Teil unseres natürlichen Lebensprozesses verstehen, dann können wir auch die Kraft unserer Sehnsucht umarmen – und als Einladung verstehen:

Die schöpferische Kraft der Sehnsucht kann Künstler zu größten Werken inspirieren, Visionen für die Menschheit kreieren, für unsere Unternehmen und Teams, Erfindungen vorantreiben, Menschen dazu bringen, ihre geliebte Heimat zu verlassen.

Sie kann Liebende über weite Distanzen lange zusammenhalten, sie kann zu Höchstem und Schönstem inspirieren. Und sie kann uns zu ,Gott` führen, unserer Quelle und unserem wahren SELBST.

Sie kann uns aber auch weg führen von uns selbst: Immer irgendwo anders hin, immer da hin, wo wir nicht wirklich sind, nicht präsent sind, in unseren Gedankenspielen verstrickt und da, wo wir vor allem nicht fühlen müssen. Dann sind wir in Sucht gefangen, in einem Zwang, uns selbst eben gerade nicht zu begegnen. Dann weichen wir nur immer wieder aus. Und leben betäubt.

Die Süchte, denen wir heute auch sehr gesellschaftsfähig frönen können, sind ja sehr vielfältig:

Da gibt es die Medien, das Arbeiten, das Leisten-Müssen, Essen, Trinken, Sex, das Internet, die ewige Geschäftigkeit und sogar Beziehungen, durch die wir uns abhängig, unvollständig und betäubt halten können.

Fast alles (nicht nur die Droge an sich) kann uns zweckentfremdet dazu dienen, dass wir unser tiefes Sehnen, unsere Unvollständigkeit, die leeren Flecken oder auch schmerzhaften Stellen eben nicht fühlen müssen.

 

Leere Flecken ausloten und die Intensität der Sehnsucht halten lernen:

Genau das ist aber nötig, wenn wir die Kraft der Sehnsucht  schöpferisch nutzen wollen:

das Ausloten der schmerzhaft leeren Flecken in uns, um sie heilen und mit neuem Leben füllen zu können.

Was ist es genau, was fehlt – vor allem jenseits der äußeren Formen? Welche Qualitäten wollen gelebt werden, welche Werte ins Leben gebracht? Was sehen wir in den anderen, die uns inspirieren, die uns vor Neid erblassen lassen oder die wir auch ablehnen müssen, weil sie uns zu schmerzhaft an das erinnern, was wir selbst uns nicht zugestehen können?

Was hat all die Jahre brach gelegen und möchte wieder in unser Leben zurück? Oder erstmals sich entfalten? Wonach sehnt sich die Kranke in uns, die Heilung finden will? Welcher Schatz liegt vielleicht sogar verborgen genau in dieser Wunde?

Und dann können wir in einem zweiten Schritt vor allem auch lernen, die Energie und Intensität unserer Sehnsucht zu halten und zu nutzen.

Die Sehnsucht hat eine starke Intensität, die auch (aus-)gehalten werden will. Sie wird oft als sehr schmerzhaftes Gefühl wahrgenommen. Und hier liegt ein Kasus Knaxus!

Denn die meisten Menschen haben Angst vor intensiven Wahrnehmungen und weichen ihnen aus, was leider auf Kosten von Lebendigkeit, Leidenschaftlichkeit und Vollständigkeit der Persönlichkeit geht.

 

Die Kraft der Sehnsucht als Treibstoff für unsere Transformation.

Wir können aber üben, sie auszuhalten – die Intensität der Sehnsucht. Wie übrigens auch jedes andere eher und intensive Gefühl.

Wir können sie in unsere geistige und physische Praxis integrieren, bewusst mit ihr in Dialog treten – und zwar am besten zunächst über das körperliche Spür-Bewusstsein:

Wir können üben, ihre Energie in unserem Feld  wahrzunehmen, präsent mit ihr zu bleiben, sie im Körper zu orten, zu halten, sich ausdehnen zu lassen und dann in einen schöpferischen Prozess zu leiten. Einen ersten Schritt.

Dann wird sie zu echtem Treibstoff für unseren einzigartigen Lebensweg. Wenn wir allerdings gar keine Energie in Bewegung setzen – gar nicht losgehen, dann hält uns die Sehnsucht im Land unserer Träume.

Was ja auch ganz ok sein kann… Wenn wir uns bewusst dafür entscheiden! Jede Entscheidung führt letztlich zu einem Stück Klarheit.

 

Der Preis der Ungewissheit für ein mutiges Leben.

Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich doch dankbar dafür bin, dass ich damals dem Ruf meiner Sehnsucht gefolgt bin.

Allerdings ohne seelische Unterstützung hätte ich das wohl nicht geschafft – diesen Schritt von der Juristin und Managerin hin zur Therapeutin und Mentorin. Der Wandel war enorm.

Leider gibt es keine Garantie für einen guten und erfolgreichen Ausgang beim Losgehen. Das ist einfach so. Jedes andere Chaka-Gedöns ist Bullshit!

Aber man kann lernen, mit Unsicherheiten und Ängsten in einem Veränderungsprozess  umzugehen. (Vertiefend dazu in meinem Artikel, wie Veränderung gelingt).

Vielleicht ist es aber auch gerade der Preis des Ungewissen, den wir immer zahlen müssen, wenn wir ein zutiefst lebendiges Leben führen wollen? Ein mutiges, passioniertes Leben?

In diesem Sinne wünsche ich von ganzem Herzen
alles Gute für Ihren ureigenen, mutigen Weg.

JULIA ENGEL

 

Einige Anregungen zur Selbsterforschung:

  • In welchem Lebensfeld tritt die Kraft der Sehnsucht besonders stark in Ihr Leben?
  • Wo drängt es nach Entfaltung Ihrer Kreativität und Lebenskraft?
  • Wo drängt es nach viel Weniger, einfach Sein, Entspannen, Geniessen, Spiel?
  • Wenn alles möglich wäre, was würden Sie gerne am liebsten gestern als morgen tun?
  • Wenn alles möglich wäre, wo würden Sie gerne in 1 Jahr  sein? Und wo in 5 Jahren?
  • Wie soll sich das da anfühlen? Was findet da statt? Auf welchen mutigen Schritt schauen Sie von dort zurück?
  • Was wäre wenn, Sie sich NICHT auf den Weg machen und alles so bleibt wie es ist?

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